Agilität: Lektionen vom Swiss Economic Forum

Agilität: Lektionen vom Swiss Economic Forum

Daniel Schönbächler, kluger Management-Berater und ehemaliger Abt des Kloster Disentis, hat mir einmal erzählt, dass der Name, den ein Unternehmen für seine Konferenzen wählt oft ein Hinweis darauf ist, was dem Unternehmen fehlt. Es sind diese verführerisch klingenden Worte, wie zum Beispiel ‚Innovation’, ‚Wandel’ und ‚Wachstum’, die uns sagen, was uns in unserer Unternehmenskultur fehlt.

Das ist eine witzige Theorie und ich konnte nicht umhin daran zu denken, als ich das Motto des diesjährigen Swiss Economic Forum las: Agilität – Ein Erfolgsfaktor in Zeiten des Wandels. Lag Daniel mit seiner Theorie richtig? Fehlt es der Schweizer Wirtschaft so sehr an Agilität, dass wir diesem Thema eine ganze Konferenz widmen, um genau das zu diskutieren? Ich dachte mir, der beste Weg, um das herauszufinden, war einfach hinzugehen und zu hören, was die Redner dazu zu sagen hatten. Hier lesen Sie nun, was ich dort gelernt habe.

1) Agilität ist leichter gesagt als getan 

Während die meisten von uns denken, dass Agilität (die als „Anpassungsfähigkeit und Reaktionsfähigkeit“ während der Debatte definiert wurde) etwas ist, dass wir in der Wirtschaft von Natur aus tagtäglich beweisen, sieht die Realität ganz anders aus: Wir sind nicht annährend so agil, wie wir das von uns selbst glauben. Als dies infrage gestellt wurde, haben viele Unternehmer auf der SEF.2016 eingeräumt, dass sie sich am Ende des Tages irgendwie „durchwursteln“, trotz aller Bestrebungen in Sachen Agilität, wobei hier das Thema Strategie klar den zweiten Platz hinter dem Krisenmanagement einnimmt.

Dieser Punkt wurde von Richard Phillips auf der Konferenz in einem dramatischen Vortrag gemacht. Phillips ist ehemaliger US-Handelsschiffskapitän, dessen Schiff, die MV Maersk Alabama, im April 2009 von somalischen Piraten gekapert wurde. Phillips beschrieb wie er und seine Mannschaft, obwohl sie darin ausgebildet waren mit solchen Notfällen umzugehen, trotzdem Schwierigkeiten hatten, ihre Reaktionen in der realen Situation entsprechend anzupassen. Oft erweist sich Agilität lediglich als etwas das wir anstreben, statt sie tatsächlich zu leben.

2) Agilität fängt beim Individuum an

In einer ergreifenden Präsentation voller Witz und Weisheit wies Professor Stéphane Garelli der IMD Business School in Lausanne darauf hin, dass Agilität Phantasie erfordert, was eindeutig eine menschliche Eigenschaft ist. Ein Unternehmen für sich allein kann nicht agil sein; seine Fähigkeit, auf verändernde Märkte zu reagieren und sich anzupassen hängt ganz von der Agilität der Mitarbeiter ab, die wiederum durch das Management bestärkt werden (oder auch nicht). Daher muss Agilität auf drei Ebenen geschehen: beim einzelnen Mitarbeiter, im Management und im Unternehmen.

Obwohl der einzelne Mitarbeiter die Hauptquelle einer jeden agilen Aktion ist, werden einzelne Personen oft durch eine restriktive Unternehmenskultur daran gehindert, wirklich agil zu handeln. In der Regel agieren Unternehmen auf eine vorgegebene, lineare Art und Weise und bewegen sich dabei von A nach B zu C. Dies bietet keinen fruchtbaren Boden für eine agile Denkweise, die darauf aufbaut, dass man auch mal einen Sprung ins kalte Wasser wagt. Um diesen Sprung effektiv zu machen, muss man genau wissen wer man ist und warum man existiert (welche Aufgabe man hat). Kennt man seine eigene Vision, und hat man die Freiheit, diese zu verfolgen, dann hat man einen Ausgangspunkt, von dem aus man sich bewegen und agil sein kann. Bei zai, zum Beispiel haben wir eine starke Vision (den bestmöglichen Ski zu bauen) und die Freiheit, sie zu verfolgen (durch ständige Innovation, neue Technologien und Materialien).

3) Agilität braucht Raum um stattfinden zu können

Viele der Unternehmer, die am SEF.2016 teilnahmen, haben erwähnt, wie dankbar sie dafür sind, in der Schweiz produzieren zu können. Trotz des Drucks eines starken Schweizer Franken und einem wettbewerbsstarken Exportmarkt, war die Idee, ausserhalb der Schweiz zum Zwecke der Kostensenkung zu produzieren, keine Option. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass CEOs, wenn sie zusammen in einem Raum sind, ungerne Schwäche zeigen, war dies immer noch ein grosses Votum für das liberale Wirtschaftsumfeld der Schweiz.

Im Vergleich zur EU, mit all ihren gewundenen Gesetzgebungen und hohen Steuern, kann sich die Schweiz immer noch als eigenständiger Tummelplatz für ambitionierte Unternehmer behaupten. Unser liberales Wirtschaftsumfeld und unsere politische Stabilität sind das Rückgrat einer starken Wirtschaft und bieten Unternehmen die Plattform, die sie benötigen, um sich weiterentwickeln und wachsen zu können. Es ist also keine Überraschung, dass so viele von uns stolz sind und sich privilegiert fühlen, Teil dieses Systems zu sein. Letztlich ist es doch so, dass je weniger Regeln es zu beachten gibt, desto mehr Raum hat man, um agil zu handeln.

4) Agilität muss gepflegt werden

Diese Freiheit, die wir alle geniessen, muss verteidigt und gepflegt werden. Selbst in der Schweiz laufen wir Gefahr, die Wirtschaft in einem Wulst aus Gesetzen zu ersticken (paradoxerweise wird behauptet, dass viele davon zum Schutz der Interessen der Schweizer Wirtschaft geschaffen werden).

Ebenfalls ein Redner des SEF.2016 war der ehemalige Präsident der Schweizer Zentralbank, Philipp Hildebrand. Er betonte, dass die Schweiz dem Risiko unterliegen würde, zurück in eine wirtschaftliche Denkweise zu rutschen, die der Réduit-Nationale-Verteidigungs dispositiv im Zweiten Weltkriegs ähnlich sei. Er wies darauf hin, dass die Schaffung von Hindernissen im Widerspruch zu den Prinzipien einer kleinen, offenen Wirtschaft stehen und damit das Gegenteil von agilem Denken darstellen würde.

Johann Schneider-Ammann, der derzeitige Präsident des Bundesrates, führte den Erfolg der Schweizer Wirtschaft im Vergleich zum Rest von Europa auf drei Dinge zurück: den liberalen Arbeitsmarkt, das duale Bildungssystem und die starke soziale Partnerschaft zwischen Unternehmen und Gewerkschaften. Diese Eckpfeiler der Schweizer Erfolgsgeschichte müssten geschützt und gestärkt werden, wenn wir unsere agile Wirtschaft erhalten wollen.

5) Agilität bedeutet Glauben

Susanne Wille, Journalistin und Moderatorin, bat das Publikum um Handzeichen auf ihre Frage ob sie glaubten, dass die Schweizer Fussballmannschaft die Europameisterschaft 2016 gewinnen könnte. Von mehr als 1.300 hoben nur zwei Personen aus dem Publikum ihre Hand.

Selbst nach den Massstäben der pragmatischen Schweizer war dies eine überraschend defätistische Haltung. Immerhin steht die Schweizer Fussballmannschaft in der Weltrangliste auf Platz 15. Wo war unsere Hoffnung? Wo war unser Glaube? (Ich schäme mich, es zuzugeben: aber auch meine Hand blieb unten, wie bei all den anderen Zweiflern. Ich wollte mich nicht zum Narren machen, indem ich mich zu optimistisch zeigte.)

Dann fragte Wille die beiden, die ihre Hände hoben, nach ihren Gründe dafür. „Ich vertraue dem Team.“ sagte der eine, „Ich glaube daran, dass wir aussergewöhnliche Dinge erreichen können!“ der andere.

Vertrauen, Optimismus, den Mut eine Vision zur Realität zu machen … sollten dies nicht die intrinsischen Eigenschaften eines jeden agilen CEO sein? Wenn man an das glaubt, was man tut und den Mut hat, Dinge wenigstens zu versuchen, auch wenn es so aussieht als stünden die Chancen schlecht, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas funktionieren wird, um ein vielfaches höher. Entsprechend kann ein Mangel an Glauben deprimierend und demotivierend für das gesamte Projekt sein. Ich bin froh, dass unsere Fussball-Nationalmannschaft nicht am SEF.2016 war und damit unser Votum nicht sehen musste. Sie verdienen besseres!

6) Beweglichkeit bedeutet, dass man Liebgewordenes abgeben muss

Eine andere Sache, die ich während der verschiedenen Diskussionen auf der SEF.2016 realisiert habe ist, dass sich erfolgreiche Unternehmer immer wieder neu erfinden. Gérard Dubois, Gründer der Schweizer Bäckereikette La Rose Noire Patisserie, ist hier ein gutes Beispiel.

Dubois eröffnet sein erstes Geschäft in Hongkong im Jahre 1991 und beschäftigt heute rund 1.600 Mitarbeiter. Er baute sein Geschäft auf, indem er sein Personal ermutigte, Verantwortung für die Entwicklung eigener Ideen zu tragen. Indem er den Mitarbeitern die Kontrolle über das Unternehmen gab, war er in der Lage weiter zu machen und sich auf die nächste Idee zu konzentrieren. Ein Projekt zu übergeben, das gut läuft und dem man sich verbunden fühlt, das mag auf den ersten Blick zwar kontraintuitiv scheinen, aber wenn man sich auf seinen Lorbeeren ausruht, dann besteht die Gefahr, dass das Unternehmen stagniert. Dubois hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass man immer wieder Neues wagt. Manchmal muss man den Pfad des Erfolges verlassen, um erfolgreich zu sein. Der alte Ratschlag ‘never change a winning game’ stimmt nicht. Man ist besser beraten eine abgeänderte Version zu Herzen zu nehmen: ‚intensify a winning strategy’.

7) Agilität blickt in die Zukunft

Ein weiter Vortrag auf dem SEF.2016 kam von Dambisa Moyo, globale Ökonomin und Autorin. In ihrem Vortrag verglich Moyo Walmart und Amazon, die beiden grössten, arbeitgebenden Privatunternehmen der Welt und wies darauf hin, dass Walmart 2,1 Millionen Menschen beschäftigt, während Amazon, mit seinen automatisierten Liefer- und Logistikketten nur 240.000 Arbeitnehmer hat. Willkommen in Industrie 4.0! Die Auswirkungen der verstärkten Automatisierung von Arbeitsplätzen ist sehr real, wie jeder, der schon mal vor einer Self-Checkout-Maschine im Supermarkt stand, weiss.

Wie sollen wir also unsere Kinder für das Leben in einem automatisierten Arbeitsmarkt vorbereiten? Die offensichtliche Antwort ist mehr in Bildung zu investieren, mit Fokus auf technologische Disziplinen. Es gibt ein wachsendes Argument, unterstützt von vielen Teilnehmern der SEF.2016, nämlich dass diese zusätzlichen Investitionen aus dem privaten Sektor kommen sollten. Allerdings hätte dies zur Folge, dass eine Veränderung der Investorenkultur nötig wäre, denn derzeit fliessen die Gewinne von Schweizer Anlegern in der Regel ins Ausland zurück.

Sicherlich sind die hohen Renditen aus ausländischen Investitionen attraktiv. Aber wenn wir nicht langfristig in unser Bildungssystem investieren, um damit unsere Schulen und Curricula in Richtung des neuen Paradigmas zu entwickeln, dann laufen wir Gefahr, dass wir irgendwann im Vergleich zu anderen zurückfallen.

8) Agilität ist ein Geisteszustand

Einer der Höhepunkte des SEF.2016 war die Präsentation der SEF Awards. Die Auszeichnung würdigt aussergewöhnliche Innovation in drei Kategorien: Dienstleistung, Herstellung & Handel sowie Hightech & Biotech und gehören zu den begehrtesten Industriepreisen für Schweizer Start-ups.

Es war inspirierend und beeindruckend zu beobachten, wie die Gewinner ihre Preise entgegennahmen. Sie waren voller Energie, Furchtlosigkeit und Visionen und es fiel mir auf, dass egal wie genial ihr Produkt oder ihr Business-Plan auch ist, auf die Bühne haben sie es durch ihre geistige Haltung geschafft.

Wie passend also, dass Professor Garelli in seiner Rede das berühmte Zitat von Thomas Jefferson zum Besten gab: „Nichts kann einen Mann mit der richtigen mentalen Einstellung von seinem Ziel abhalten; Nichts auf der Welt kann einem Mann mit der falschen Geisteshaltung helfen.“

Vor allem ist Agilität eine Geisteshaltung. In Zeiten politischer, sozialer und technologischer Unsicherheit war es niemals wichtiger als heute, agil zu sein und es auch zu bleiben.