Der Blick durch die Linse

Der Blick durch die Linse

In den letzten Wochen präsentierten wir auf der zai Facebookseite die Portraits unserer Mitarbeitenden. Ein schöner Grund, den Fotografen, Urs Bigler, näher vorzustellen. Ich verabredete mich mit ihm zu einem Interview. Vor dem Treffen überraschte mich meine Nervosität. Wahrscheinlich wegen der Achtung vor seiner Arbeit, gepaart mit der Vorfreude auf ein spannendes Gespräch. In der Manufaktur tauschten wir uns zu laufenden Arbeiten aus, schoben das Blatt mit meinen hochgescheiten Fragen ungelesen auf dem Tisch herum. „Lass uns nach Surrein zu deinem Haus fahren, solange das Licht noch gut ist“, meinte Urs.

2015 hatte ich in einem Bericht gelesen, dass Urs den Swiss Photo Award in Architektur gewonnen hatte. Spontan fragte ich ihn damals, ob er den Prozess meines Hausbaus dokumentieren würde. Architekturfotographie hatte meine Entwürfe massgeblich beeinflusst. Warum also nicht das Projekt während der Entstehung einem Meister ausliefern? Wird das Projekt ihn bei Laune halten oder wird er sich davon abwenden, fragte ich mich. „Ich schnalle nicht genau, wie das Gebäude umgesetzt werden soll“, war schon einmal ein guter Start. Die Aussage, „Eigentlich mache ich so was gar nicht“, ebenfalls.

Urs ist drangeblieben. Am Vorabend unseres Interviews hatte ich bis in die Nacht hinein Gerüst entfernt und die Resultate von zwei Jahren Arbeit fast ganz entblösst. Während Urs fotografierte, traute ich mich diesmal sogar, ihm über die Schulter zu schauen.

Bereits seine ersten Bilder vor zwei Jahren und seine Arbeitsweise hatten mich beeindruckt und dazu geführt, ihn darum zu bitten, auch für zai zu fotografieren. Nach Sonnenuntergang gingen wir Bizochels essen. Urs legte das Frageblatt ungeöffnet auf den Tisch und wir starteten unser „Blog Gespräch“. Nachdem der Mond aufgegangen war, die geliebte Bergkulisse auf der linken Talseite bis nach Disentis eine messerscharfe Grenze zum Himmel zog und wir uns verabschiedeten, hatten wir nicht unbedingt alle Antworten, aber eine Aufzeichnung hätte den gesetzten Rahmen gesprengt.

Per Mail haben wir es dann doch noch geschafft!

Der Fotograf Marcel Gautherot, der auch Architektur studiert hatte, hat gesagt: „Fotografie ist Architektur.“ Jemand, der nichts von Architektur verstehe, sei nicht im Stande, gute Fotografie zu machen.
Ja und Nein! Ich verstehe gut, was Gautherot meint. Auch ich baue ein Bild von Grund her auf. Komposition, Standpunkt, Licht, Schärfe etc. Dadurch entsteht ein grosser Teil meiner Fotografie. Architektur ist aber einfach um eine Dimension reicher.

Es gibt ikonische Bilder in der Architektur, z.B. die „case study house 22“ Fotos von Julius Shulman. Was sind für dich ikonische Bilder?
Oft macht der Moment aus einem Bild ein ikonisches Bild. Die meisten dieser Ikonen, welche ich im Kopf habe, sind Bilder, die den Zeitgeist auf den Punkt bringen. Meistens sind dies Bilder von Reportagefotografen oder Modefotografen. Aber das wohl berühmteste Bild ist eine Architekturaufnahmen von Joseph Nicéphore Niépce, “ La cour du domaine du Gras“ von 1826. Dies ist die erste erfolgreich aufgenommene Fotografie.

Inwieweit unterscheidet sich für dich Produktfotografie von Architekturfotografie?
In meiner Fotografie versuche ich, mich auf meine Weise auszudrücken. Ob dies jetzt Architektur, Still Life oder ein Portrait ist, spielt für mich eher eine untergeordnete Rolle.

Der bisherige zai Fotostil und auch das Design unserer Produkte ist in den letzten Jahren in der Ski Branche immer öfter kopiert worden. Was man einerseits als Kompliment auffassen kann, hat auch eine ärgerliche Seite, denn bei unserer Produktphilosophie ist die Optik eines von verschiedenen wichtigen Elementen. Unserer Stärke liegt in der innovativen Technologie und Materialanwendung. Wir suchen in Zukunft die klare Unterscheidung, um den Produkten gerecht zu werden. Wie vermag Fotografie diesen Ansatz zu transportieren?
Ich versuche, die Vielschichtigkeit deiner Skis in einem Bild auszudrücken, gehe dabei an die Grenze zur Abstraktion. Es ist eine Gratwanderung für mich, wie viel Information zeige ich und wie viel lasse ich weg.

Wo siehst du für dich den kreativen Raum, in dem du abgesehen von der „reinen“ Produktabbildung den zai Produkten deinen Stempel aufdrücken kannst?
Bei den Produktaufnahmen konnte ich sicherlich meinen reduzierten grafischen Stil durchsetzen. Und die kommende geplante Bildwelt für zai wird in diesem Stil sein. Ich bin sehr dankbar, dass ihr mir diesen kreativen und freien Raum gewährt. Dies ist für mich ein grosses Privileg!

Abgesehen von der Notwendigkeit, Produktfotos zu erstellen, ist dieser Prozess für mich auch immer eine kritische Überprüfung des Produkts. Du siehst das Produkt mit deinen Augen, und ich bin immer auf die Resultate gespannt. Entfaltet das Produkt eine Aura, die den Kraftakt vom Prototypen zum seriell produzierten Produkt vergessen lässt? Im besten Fall entfremdet sich das Produkt von mir und geht auf eine neue Ebene. Dann kann ich richtig loslassen. Wie laufen solche Prozesse bei dir ab?
Es ist nicht mein Ziel, dein Ski eins zu eins abzufotografieren. Ich sehe und verstehe deine Skis eigentlich eher als Objekte oder Skulpturen. Und so versuche ich, diese auch so zu fotografieren.

Ist es für dich ein ähnlicher Prozess, wenn du z.B. die Kirche in Hérémence von Walter Förderer fotografierst?
Ich habe da nicht die Kirche als solche fotografiert, sondern Räume im Bild geschaffen, mit Ausschnitten gearbeitet. Versuchte alles nochmals herunterzubrechen und zu abstrahieren. Der Prozess in meinem Kopf ist ähnlich, die technische Ausführung unterscheidet sich aber schon.
Während du Aufnahmen machtest, sagtest du mir öfters: deine Ski sind nicht einfach zu fotografieren – was ich immer als Kompliment auffasste. Was waren die Gründe?
Ich bin sehr fasziniert von den exklusiven Materialien, die du verwendest. Diese sind sehr vielschichtig und reagieren unterschiedlich stark auf das Licht, was das Fotografieren nicht ganz einfach macht. Daher nähere ich mich über verschiedene Bilder, um das fertige Bild zu bekommen. Kombiniere sie anschliessend am Computer, um das gewünschte Resultat zu erhalten. Das geht nicht bei jedem Ski gleich gut. Ich brauche manchmal auch mehrere Anläufe. Ist aber schon schön, wenn das Skiende eines Moncler Skis auch an einen Schmetterling erinnert.

Als ich deine ersten Bilder unserer Ski sah, entdeckte ich darin den Prozess, den ich bei der Entwicklung durchgemacht hatte. Wie wenn du die Ski durch meine Augen gesehen hättest. Du hast das herausgeschält, was das Produkt auf den zweiten Blick interessant macht, und uns – meiner Meinung nach – von den anderen unterscheidet.
Zum Glück sprechen wir dieselbe Sprache!

Dein Vater war Fotograf, du bist mit diesem Beruf aufgewachsen. Wärst du auch Fotograf geworden, wenn die Voraussetzungen anders gewesen wären?
Dies ist eine schwierige Frage. Ich wäre sehr wahrscheinlich schon zur Fotografie gekommen, jedoch über Umwege. Meinem Vater habe ich sehr viel zu verdanken. Von ihm habe ich das Handwerk gelernt, und er hat mir gezeigt, dass man eine Leidenschaft zum Beruf machen kann.

Gibt es Fotografen, welche dich beeinflusst haben?
Edward Steichen, Erwin Blumenfeld, Irving Penn, Walker Evans, Herb Ritts, Andreas Gursky, Thomas Ruff…….etc. Es gibt so viele wahnsinnig tolle Fotografen, die ich bewundere.

Du hast verschiedene Preise gewonnen und bist in den letzten Jahren öfter im Fotobuch der 200 weltbesten Fotografen vertreten.
Ein gutes Selbstmarketing ist heute schon sehr entscheidend und dies ist eigentlich nicht gerade meine Stärke. Daher sind diese Awards und Publikationen immer eine gute Plattform, um Werbung in eigener Sache zu machen.

Du erlebst ihn und machst am digitalen Wandel eins zu eins mit. Automobilfotografie/Werbung ist für mich mittlerweile zu Tode gepixelte Künstlichkeit. Die Produkte mutieren zu virtualisiertem Einheitsbrei. Wie beeinflusst die Technologieentwicklung deine Kreativität?
Die Technologie ist für mich ein Werkzeug. Am Ende ist für mich einzig das Bild entscheidend. Bei mir sind die digitalen Möglichkeiten Mittel zum Zweck. Aber mir macht diese Technologie schon Spass, denn die Möglichkeiten dadurch sind grenzenlos.

Für mich bleibt in der Automobilfotografie trotz, oder wegen dem perfekten Einsatz verfügbarer Technologie, die Emotionalität auf der Strecke. Würdest du bei kreativer Freiheit anders fotografieren?
Ja.

Die Fotografie in der Uhrenbranche finde ich emotionaler, technologisch interessanter umgesetzt.
Dies hat aber mehr mit der Industrie zu tun als mit uns Fotografen. Vielfach sind wir diejenigen, welche Konzepte übernehmen und umsetzen.

Dein Handy dient ebenfalls als Fotoapparat. Wo ist der Unterschied zu der professionellen Kamera? Ist es für dich eine andere Art zu fotografieren?
Die beste Kamera ist die, welche du gerade dabei hast. Und das Handy habe ich immer dabei. Was aber nicht heisst, dass es die beste Kamera ist. Ich mache so eine Art Tagebuch mit Fotos und die Handykamera ist perfekt dafür.

Heute fühlt sich jeder zweite Handybenützer als guter Fotograf. Wie beeinflusst die heutige Bilderflut deine Arbeit?
Ein hervorragendes Projekt von Erik Kessels zeigt diese Bilderflut sehr gut: http://www.kesselskramer.com/exhibitions/24-hrs-of-photos

In meiner Freizeit blättere ich immer wieder in meinen Fotografenbüchern, lasse mich inspirieren. Wann gibt es ein Buch von dir?
Keine Ahnung. 😉

Mehr Infos zu Urs Bigler: http://www.ursbigler.com