Wie viel Glück ist möglich?

Wie viel Glück ist möglich?

Am liebsten fahre ich Ski. Doch manchmal passiert es, dass ich einige Tage ohne Skierlebnisse verbringe. Ich muss administrative und organisatorische Arbeiten erledigen, mich mit dem Team um Dinge in der Produktion kümmern oder ich darf mich um Kunden sorgen oder Medienarbeit leisten. Dies alles sind spannende Tätigkeiten, aber sie halten mich von den Pisten fern. Wenn es dann aber wieder so weit ist, flippe ich bei den ersten Schwüngen buchstäblich aus. Endlich wieder auf den Ski!

Solche Glücksmomente wirken in der Regel mehr als einen Tag nach. Manchmal komme ich in den Genuss von mehreren aufeinanderfolgenden Skitagen. Da beobachte ich, dass sich die Glücksgefühle nach einer gewissen Zeit konsolidieren. Die Glückskurve steigt also nicht in den Himmel. Wenn mich jemand fragt, wie glücklich ich denn bin und wo ich mich auf einer Skala von 1 bis 10 befinde, beantworte ich diese Frage an normalen Tagen, wie wohl die meisten Leute, mit 6 oder 7. An Tagen, wo ich mich «nicht im Strumpf fühle», zeigt die Skala auf 3 oder 4. An Skitagen ist das Niveau meistens bei 7 bis 10 (abhängig von meiner Tagesform). Und dann folgen Tage ohne Skifahren und ich rutsche wieder ab… und mich reitet der Gedanke, wie komme ich wieder Richtung 7? Und was muss ich eigentlich tun, um über die 7 zu kommen?

Ich bin in der glücklichen Situation, dass etliche Menschen mit uns Skifahren, die vieles schon erreicht haben, aber noch weiter gehen wollen. Das ‚weiter gehen‘ bezieht sich einerseits auf das Skifahren, andererseits aber auch auf das Leben im Allgemeinen. Auch sie stellen sich dieselbe Frage wie ich auf den Ski: Was mache ich als nächstes? Oder wo soll ich als Berufsmann oder Berufsfrau hin? Zufriedenheit und Glück sind erstrebenswerte Zustände. Auch bei ihnen zählt: Wie erreichen sie eine höhere Erfüllung und höheres Glück? Wie komme ich auf die 7 oder allenfalls auch darüber? Wichtig: Dies gilt nicht nur für Adrenalin-Junkies. Denn kaum halten wir uns auf der 7, denken wir darüber nach, wie wir auf die 10 kommen! In der beruflichen Karriere kann dies dann so aussehen: Ich angle mir einen neuen Job, der mich intellektuell mehr fordert und dann verlange ich nach höheren Tätigkeiten mit internationaleren Kunden, als nächstes will ich mehr Lohn, etc.

Ich habe es an zai Erlebnistagen oft mit Führungskräften zu tun. Sie möchten noch weiterkommen. Sollen sie auch, aber ist es der richtige Weg, konsequent nach der 10 zu streben?

Halt mal: Ist es überhaupt gesund, stets nach mehr zu streben?

Kürzlich las ich ein Interview mit dem Psychologen Mark Manson, der den Mahnfinger hebt und sagt: «We always want more. But success is often the first step to desaster. The idea of pogress is often the enemy of actual progress.» Bei erfolgreichen Sportlern, so Manson, kann man beobachten, dass sie sich nach gewonnenen Siegesserien ‚höheren‘ Zielen zuwenden. Mehr Werbeverträge, mehr Medienpräsenz, mehr Statussymbole wie neue Autos, einen Flieger oder teurere Anwesen. Das Gefährliche an diesem Streben ist, dass wir nur eine beschränkte Zeit und Energieressourcen haben und alles an ‚Mehr‘ auch seinen Preis hat. Manson sagt: «Life is a game of trade-offs. You must eventually choose what you are willing to trade based on what you value.»

Vielleicht erlange ich in meinem neuen Job eine Bestätigung, die ich gesucht habe. Dafür aber bleibt mir weniger Zeit für meine Freunde und Familie. Ich reise mehr und an Wochenenden bin ich dafür richtig müde und mehr als die Hälfte meiner verfügbaren Zeit geht mit Schlafen drauf.

Ist allenfalls regelmässiges Innehalten die Lösung zu einem stabil glücklichen Empfinden? Sich fragen: Was habe ich in meinem Leben eigentlich erreicht? Und nach vorne schauend: Welches sind realistische Ziele? Wo will ich eigentlich hin? Und noch wichtiger: Welches sind meine tollsten Errungenschaften, auf die ich stolz bin?

Als junger Skilehrer lernte ich schnell, dass ich (vermutlich) nie ein Prinz werden würde, nur weil ich mit einer Königsfamilie unterwegs war. Aber ich genoss es, meinen Schülern das Skifahren und die Berge näher zu bringen. Mehr überlegte ich mir gar nicht.

Als berufstätiger Mann (oder Frau) muss ich mich fragen: Ist es allenfalls auch ok, wenn ich auf der Karriereleiter nochmals da verweile, wo ich bin und meine Energie in die Qualität der Arbeit stecke.

In der Sprache der Skala von 1 bis 10 heisst dies: Warum sich nach der 10 orientieren? Es wäre doch sinnvoller, die 7 im Visier zu halten und zwar nachhaltig. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die 10 für immer anhält. Aber der Trick, möglichst selten oder nur kurz in die Zone 3 bis 4 zu fallen, ist es doch, keine übersteigerten Erwartungen aufzubauen, wenn man mal bei der 10 mal angelangt ist. Sondern bereit zu sein, kontrolliert gegen die 7 zu gleiten. Wenn ich das beherrsche, heisst dies dann auch, dass ich nach persönlichen Tiefschlägen die Gewissheit habe, von der 3 oder 4 wieder in die Region von 7 zu kommen. Etwa wie der Athlet oder die Athletin, die nach einem misslungenen Rennen weiss: Nach dem Rennen ist vor dem Rennen.

Wir streben immer nach mehr. Aber der Maximierung des eigenen Glücks sind Grenzen gesetzt. Wir Menschen haben alle beschränkt Zeit und Lebensenergie. Es ist deshalb manchmal sinnvoll Inne zu halten, sich ich auf das Erreichte, die vergangenen Errungenschaften zu konzentrieren und damit zufrieden zu sein. Oder wie Manson es beschreibt: «…And if you’re not careful with your values, if you are willing to trade things away for the sake of another hit of dopamine, another temporary trip to your own personal psychological 10, then chances are you’re going to fuck things up.» (Manson Mark, 2017).